Ein privates Projekt

Kirchturm Uhrwerk

in Kleinrötz, Niederösterreich

In einem aufwändigen Prozess wurde ein aufgegebenes Analog-Turmuhrwerk wieder in Betrieb gesetzt. Und es fand zudem auch einen neuen Platz, wo es das tun kann, wozu es konstruiert wurde – die Zeit anzeigen! Dieses Turmuhrwerk ist vermutlich das einzige, voll in Betrieb befindliche, mechanische Uhrwerk im mitteleuropäischen Raum, das seit Jahren die Echtzeit 24 Stunden lang, inklusive Schlag anzeigt!

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Ein kurzes Video über die Geschichte des Uhrwerks und wie es an seinen neuen Platz kam

Kleinrötz in Niederösterreich, 10 km nördlich von Korneuburg im Jahre 2012

In der Gemeindekirche dieses kleinen verschlafenen Ortes liegt seit fast 30 Jahren ein Kleinod und droht dem Rostfraß und den Holzwürmern zum Opfer zu fallen. Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde die damalige Analogturmuhr durch eine elektrische Turmuhr ersetzt.

Das Analog-Turmuhrwerk wurde im Zuge dieser Maßnahmen auf dem Dachboden der Kirche belassen. Dazu wurde der Kasten umgelegt und sich selbst überlassen. Im Laufe der Zeit legte sich eine dicke Staubschicht auf das achtlos hingelegte Gehäuse und wohl etliche Spinnengenerationen schlüpften aus den Netzen, die sich am Uhrwerk befanden. Gäbe es nun nicht einen Liebhaber in dieser Gemeinde mit einer Affinität zu Pendeluhren und anderen Uhren, wäre das Schicksal dieses Uhrwerks wohl besiegelt gewesen.

2013, also exakt 100 Jahre nach seiner ersten Inbetriebnahme, war es diesem Liebhaber nach monatelangen Interventionen bei den Gemeindeoberen erlaubt worden, dieses Turmuhrwerk aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Bedingung dafür war jedoch, dass der Interessent das Uhrwerk nur vom Dachboden der Kirche entnehmen darf, wenn er es wieder instand setzt und es in der Gemeinde verbleibt, also keine Veräußerung stattfindet.

Das umgelegte Gehäuse mit dem Uhrwerk

Für die Zurschaustellung der instandgesetzten Turmuhr eignet sich das Haus des Restaurators hervorragend da es über eine turmähnliche Ausbuchtung verfügt, hinter deren Mauer der Wendeltreppenaufgang zum ersten Stock verläuft.

Nach dem Heimtransport wurden zunächst einmal die größten Verschmutzungen an Gehäuse und Mechanik entfernt und danach das Werk einer gründlichen Revision unterzogen. Die im Laufe der Jahre ermatteten Scheiben wurden im Original belassen.

Das Gehäuse wurde nur leicht gereinigt um nur ja nichts von den schriftlichen Einträgen der Uhrenmechaniker, die im Laufe der Jahrzehnte die Uhr servicierten, zu beschädigen. Die älteste Eintragung ist vom April 1913, dem Jahr als die Uhr in Betrieb genommen wurde.

Die erste Eintragung am Tag der Inbetriebnahme (1913)

Verwunderlicherweise erlitt die Mechanik keinerlei Beeinträchtigung ihrer Funktion über den langen Zeitraum der Lagerung, sodass die Restaurierungsarbeiten schneller abgeschlossen werden konnten als ursprünglich erwartet.

Die Übertragung der Zugkraft der Gewichte auf die Mechanik des Uhrwerkes,  die das Uhrwerk erst zum Ticken bringt, musste wohl überlegt werden. In Kirchtürmen stellt die Aufhängung der Gewichte kein Problem dar, weil man sie schlicht durch den offenen Boden des Gehäuses in den Turm abhängen lassen kann. Was in einem Einfamilienhaus aber unmöglich ist, weil hierfür die Höhe nicht ausreichend ist.

Der neue Turm für das Uhrwerk

Daher werden die fünf Stahlseile – insgesamt wurden 100 Meter Stahlseil gebraucht – über Umlenkrollen geführt. Drei Seile für die Gewichte die das Uhrwerk antreiben und zwei Seile für das Läutwerk. Wie von Kirchenuhren gewohnt werden jeweils die Viertelstunden und die ganzen Stunden angeläutet. Ein Gewicht wiegt  25 kg und es erfordert einige Kraftanstrengung,  einmal täglich alle drei Gewichte aufzuziehen um den ununterbrochenen Betrieb zu gewährleisten.

Ebenso stellt die Übertragung zum Zeigergetriebe eine Herausforderung dar. Die Bewegung vom Uhrwerk auf das Zeigergetriebe erfolgt üblicherweise mit Zahnrädern. Dies wäre aufgrund der Platzverhältnisse nur schwer machbar gewesen. Deshalb wurde das Problem mittels einer Kette gelöst.

Selbstgefertigtes Ziffernblatt

Das Ziffernblatt aus Marmor mit einem Durchmesser von 110 cm wurde vom Restaurator selbst angefertigt.  Statt der gewohnten Glocken kommen hier zwei Klangschalen als Läutwerk zum Einsatz, die von dem Innsbrucker Betrieb Grassmayr Peter angekauft wurden. Diese Firma ist schon seit Jahrhunderten auf die Herstellung von Glocken und Klangschalen und sehr viel früher auch mal Kanonen spezialisiert. Die Zeiger für das Ziffernblatt stammen ebenfalls von dieser Firma.

Aufgestellt wurde der Kasten des Uhrwerkes auf dem Podest am Ende der Wendeltreppe zum Eingang der obenliegenden Wohnräume. Von dort gehen auch all die Umlenkrollen für die Seilführungen nach außen weg.

Die Erstinbetriebnahme erfolgte am 23. Juli 2013, was natürlich auch auf dem Ziffernblatt verewigt wurde.

Aber um die ganze Mechanik und die Funktion, die hervorragend harmoniert, zu verstehen, gibt es eigentlich nur einen Weg – das Original besichtigen!

Ein Video das den täglichen (!) Vorgang des Aufziehens des Uhrwerks zeigt – Zum Video

Eine Fotogalerie gibt Übersicht über die Anforderungen die dieses Projekt an den Restaurator stellte – Zur Fotogalerie

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